Kipppunkte der Gesellschaft und ihre treibenden Kräfte
Angesichts einer gestiegenen Bedrohungslage, verstärkt durch die Verbreitung von Desinformation, entsteht eine angespannte und unsichere gesellschaftliche Situation.
Vor allem im Hinblick auf demokratiegefährdende Tendenzen kann ein plötzliches Kippen der Stimmung verheerende Folgen nach sich ziehen. Dies führt dazu, dass es nicht nur zur Ablehnung einzelner politischer Entscheidungen, sondern des gesamten politischen Systems und seiner demokratischen Institutionen kommen kann.
Kippmomente sind per se nicht negativ besetzt, sondern können auch eine positive Ausprägung haben, wenn man zum Beispiel an die Verbreitung nachhaltiger Verhaltensweisen denkt. Entscheidend ist, dass beim Erreichen eines Kipppunktes Kaskaden von Meinungsänderungen durch scheinbar geringfügige Ereignisse verursacht werden können.
Der Versuch das Reichstagsgebäude anzugreifen (2020) oder der Sturm auf das US-Kapitol (2021) veranschaulichen die Gleichzeitigkeit demokratiegefährdender Polarisierungsmomente in Deutschland und den Vereinigten Staaten und zeigen, wie wichtig es ist, ein präziseres Bild über diese demokratiegefährdenden Tendenzen zu bekommen.
Mit einem innovativen Forschungsdesign werden Kipppunkte simuliert, um die Meinungsbildung und -polarisierung in verschiedenen Populationen zu untersuchen und so (potenzielle) Entwicklungen in realen Gesellschaften darzustellen.
Innovatives Forschungsdesign
Die innovative Längsschnittstudie des Social Sentiment in Times of Crises ist ein weltweit erstmals genutzter Ansatz.
Eine kontinuierliche Panelumfrage in Deutschland und den USA ermittelt fortwährend das gesellschaftliche Stimmungsbild. Auf sehr einfache und niedrigschwellige Art und Weise wird über eine App seit November 2022 einmal pro Woche, seit Mai 2023 zweiwöchentlich dieselben Fragen an die Teilnehmenden gerichtet.
Mit den erhobenen Umfragedaten entsteht über den Forschungszeitraum hinweg ein repräsentatives Meinungsbild der deutschen sowie der US-amerikanischen Bevölkerung. Dabei liegen die Schwerpunkte der Studie auf folgende krisenhafte Ereignisse:
- Geopolitische Konflikte
- Die Klima- und Energiekrisen sowie
- Die wirtschaftlichen Folgen von Inflation und Verteuerung
- Antisemitismus und Autoritarismus
Darüber hinaus werden die Daten zum Social Sentiment von den Forschenden auf zweifache Weise abgeglichen:
1) News-Event-Monitoring: Erfassung relevanter Nachrichtenartikel durch die Media-Monitoring-Plattform Event Registry. Mithilfe dieser Artikel können relevante und zeitlich abgrenzbare Ereignisse identifiziert werden. Im Rahmen des Forschungsprojekts ergibt sich die Relevanz der Events, wenn diese dem deutsch- bzw. englischsprachigen Raum und den untersuchten Themenschwerpunkten zugeordnet werden können.
2) Social-Media-Monitoring: Die relevanten Ereignisse aus dem News-Event-Monitoring werden mit Beiträgen aus den sozialen Medien verknüpft. Die Analyse des Online-Diskurses über aktuelle Geschehnisse, beispielsweise in Telegram-Channels oder auf der Microblogging-Plattform X, ermöglicht Rückschlüsse auf den Zusammenhang zwischen Nachrichten und dem Social Sentiment. Zugleich lässt sich überprüfen, wie repräsentativ Debatten in den sozialen Medien verlaufen.
3) Dashboard: Mit Hilfe eines am KIT für SOSEC entwickelten Dashboards werden Umfragedaten bereitgestellt, die es den Nutzenden ermöglichen, Hypothesen über den Zustand der Gesellschaft und potenzielle Gefahren zu testen.